Der Anfang des immersiven Journalismus

Die ersten Medienanstalten fangen langsam an, eine neue Sparte des Journalismus zu etablieren. So besteht seit Juni 2015 eine Kooperation zwischen N24 und “Die Welt”, die Reporter mit einer 360°-Kameras auf die Straße schicken, um z.B. Demonstrationen und andere Großveranstaltungen zu filmen.

Viel früher haben ABCNews mit einer Dokumentation “Inside Syria” auf sich aufmerksam gemacht, in der sie dem Zuschauer das Leben in Damaskus zu Kriegszeiten vermitteln.

Und nicht zuletzt gibt es mit VRSE eine Plattform auf der Medienunternehmen wie NBC, die New York Times, die UN, und Vice zusammenarbeiten und Dokumentationen und “no comment”-Filmchen produzieren, die von einer Ebolaüberlebenden in Liberia, Anti-Rassismus-Demonstrationen in New York oder einer 12-Jährigen Syrerin im Flüchtlingslager Zaatari berichten.

Der Zuschauer kann mittels VR-Technologie mitten in die verschiedenen Welten eintauchen. Beeindruckend dabei ist das bloße Sein; an an einem anderen Ort; in einer anderen Kultur; eingesperrt in einer Menschenmasse, die von Polizisten attackiert wird.

Was wir hier erleben, kann eine neue Qualität in die Objektivität des Journalismus bringen. Nicht mehr der Reporter – oder Regisseur – entscheidet, welchen Ausschnitt des Panoramas der Zuschauer zu einem bestimmten Text zu sehen bekommt, sondern der Zuschauer selbst. Nichts bleibt im Verborgenen, auch wenn der Betrachter, anders als N24 uns einreden will, natürlich nicht die Perspektive wechseln kann, sondern nur die Richtung in die er blicken mag. Der Kameramann kann das Objektiv auch nicht mehr gerade in einem entscheidenden Moment in die falsche Richtung halten.

Aber was machen wir da eigentliche? Genau wie dem Gonzo-Journalismus vorgeworfen wird nichts weiter als Tourismus im Leben anderer zu betreiben, besteht auch bei dieser neuen Form der Realitätsvermittlung die Gefahr, dass der Zuschauer die Chance nutzt ohne selbst aktiv zu werden, mal “fast real” im Leben anderer Menschen herumzuspazieren. Flüchtlingslager, check; Großdemo am anderen Ende der Welt, hab ich gesehen, war ich dabei. Na gut. Nur virtuell, aber immerhin!

Die Frage ist also, was schafft das virtuelle Eintauchen in den Bericht als Mehrwert gegenüber der reinen Information? Die reale Perspektive bekommt man auf diese Weise genauso wenig, wie durch ganz normale redaktionell ausgewählte 2D-Ausschnitte der Welt. Der Zuschauer spürt weder das Auftreffen der Gummiknüppel, noch nimmt er den Geruch von Krankheit und Tod wahr, spürt in den seltensten Fällen den instiktiven Reflex zur Flucht, zur Verteidigung. Aber der Zuschauer ist näher am Geschehen; gefangener; die eigene Realität verschwimmt mit der Virtuellen und öffnet einen Zugang zur Emotion, zum Erleben. Eine Öffnung für Manipulation!?

Der Medienwechsel wird kommen. Vielleicht wird die erste Hürde eine Schwierige sein, in der der Konsument sich an das Neue gewöhnt, aber die Immersion wird Einzug in viele Bereiche unseres Lebens halten. Nicht zuletzt eben auch in den des Journalismus. Bleibt abzuwarten wie wir die Technik nutzen: Die Geschichten anders, emotional und zugleich so  objektiv wie möglich erzählen, oder bekommt die Propaganda einfach nur ein neues Instrument. O brave new world.

 

 

 

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